Laut aktuellen Statistiken gibt es in Deutschland rund 24 Millionen aktive Facebook-Nutzer, rund 240.000 Personen wollen sich nach derzeitigem Stand an einem virtuellen Event auf der Plattform beteiligen. Eine beachtliche Zahl – geht man davon aus – das zu der Veranstaltung hauptsächlich deutsche Nutzer eingeladen worden sind. Jedes hundertste deutsche Facebook-Mitglied will also daran teilnehmen, rund 1,3 Millionen weitere Personen sind eingeladen.
Wovon ist die Rede?
Mitte Oktober wurde ein Event „1.000.000 Stimmen gegen Kinderschänder – Freunde einladen!!!“ erstellt – für den 28. Januar 2013. Tatsächlich stattfinden soll an jenem Tag allerdings weder eine Demonstration noch ein Aktionstag. Die Veranstalter wollen mit der Veranstaltung lediglich ein „starkes Zeichen gegen Kinderschänder und Kindesmissbrauch setzen“. Das war auch schon ziemlich alles, was die Facebook-Nutzer an Informationen bekommen.
Auch diesem Umstand dürfte es geschuldet sein, dass die Zahl der Teilnehmer seitdem regelrecht explodiert ist, jeden Tag wächst die Liste der Zusagen um etliche Tausend Personen weiter an. Das Thema ist nicht nur hochemotional, auch dürfte die überwältigende Mehrheit mit dem Thema, die Stimme gegen Kindesmissbrauch zu erheben, konform gehen.
Für die Initiatoren ein voller Erfolg – doch wer steckt hinter der Veranstaltung? Erstellt wurde sie von einer Gruppe namens „Deutschland gegen Kindesmissbrauch“. Spätestens beim Klick auf das Profil wird man das erste Mal stutzig. Unter den „Gefällt mir“-Angaben tauchen ausschließlich Funktionäre der NPD auf: der Parteivorsitzende Holger Apfel und das Parteivorstandsmitglied und Pressesprecher Frank Franz. Dazu gesellt sich die Gruppe „Hört endlich auf mit dem Multikultiwahn“.
Einen Ansprechpartner, Telefonnummer oder gar ein Impressum sucht man in der Gruppe vergebens. Lediglich in den Informationen zur Gruppe finden sich einige Hinweise wieder: „Wir arbeiten weder im Auftrag irgendwelcher Organisationen, noch im Auftrag von Parteien.“ Diese Aussage wird direkt durch den anschließenden Satz relativiert: „Wir sind geradeaus und unterstützen Menschen, Gruppen, Organisationen und Parteien, welche sich ebenso wie wir für den Kampf gegen Kindesmissbrauch und gegen Kinderschänder einsetzen.“ Die letzte Angabe im Profil wird dann schon deutlicher: „Alle Täter sind für uns Bestien und biologischer Sondermüll.“
Sowohl Veranstaltung als auch die Gruppe selber rufen Erinnerungen an das vergangene Jahr wach. Seinerzeit nannte sich ein Event „Kinder sind Zukunft - stoppt Missbrauch an Kindern!“, erstellt von „Keine Gnade für Kinderschänder“. Sowohl die Veranstaltung als auch die Gruppe an sich hatten – wie in diesem Jahr auch – äußerst hohe Teilnehmerzahlen. Bis sie von Facebook gelöscht wurden. Das US-Unternehmen hätte – schrieb das „Netz gegen Nazis“ – endlich seine „gesellschaftliche Verantwortung“ ernst genommen und die Seite gelöscht, „auf der Rechtsextreme auf Kosten eines hochemotionalen Themas agitierten.“
Die Parallelen sich beachtlich. In beiden Fällen ist die Aufmachung ähnlich und gibt sich auf den ersten Blick bewusst unpolitisch. Erst bei genauerem Hinsehen wird die deutliche Nähe zur NPD unübersehbar. Holger Apfel und Frank Franz bekommen einen „Like“, etliche weitere Funktionäre haben bereits zugesagt bzw. finden sich in der Liste der eingeladenen Personen wieder. Auch vergeht kaum ein Tag, an dem die NPD-Bundespartei die Gruppe nicht lobend erwähnt und ihre Fans zum „teilnehmen“ auffordert.
Mit politischen Bekenntnissen wurde in den letzten Tagen noch hinter dem Berg gehalten, nun lassen die Initiatoren sie jedoch schrittweise zum Vorschein kommen. Am Dienstag tauchte erstmals ein NPD-Wahlplakat auf, denn „das Wohl unserer Kleinsten“ sei wichtiger „als politische Differenzen“. Mittlerweile bedanken sich die Macher der Gruppe ganz offiziell: „Hiermit möchten wir uns ganz herzlich für die Unterstützung der Nationaldemokraten bedanken, ohne die unsere Veranstaltung wahrscheinlich nur halb so erfolgreich gewesen wäre.“
Zumindest eine der Administratorinnen kommt direkt aus dem NPD-Umfeld: Alexandra Nightline. Im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“ hat sie seit einigen Monaten eine feste Kolumne und versucht sich dort mit bisher mäßigem Erfolg als „Dr. Sommer“. Bei Facebook dürfte sie für die unzähligen Löschungen verantwortlich sein, sollten allzu kritische Stimmen laut werden. Die von der NPD immer wieder gewünschte Meinungsfreiheit sucht man dort vergebens. Auch Statements von Nutzern über die tatsächlichen Hintergründe der Gruppe werden flugs entfernt.
Ehemann der Administratorin ist nach eigenen Aussagen Alexander Neidlein, der nicht nur eine lange NPD-Karriere hinter sich hat, sondern laut „blick nach rechts“ auch ĂĽber eine äuĂźerst militante Vergangenheit verfĂĽgt. 1993 hätte der Neonazi in etwa mit anderen eine Bank in LĂĽbeck ĂĽberfallen und dafĂĽr eine mehrjährige Jugendstrafe erhalten. Aktuell ist Neidlein GeschäftsfĂĽhrer des NPD-Landesverbandes Baden-WĂĽrttemberg.Â
Dennoch: Die Initiatoren der Gruppe haben es geschafft, eine Viertelmillion Nutzer auf ihre Seite zu ziehen, auf der sie nun voraussichtlich noch bis zum Ablauf der Veranstaltung in fast drei Monaten ihre Sicht auf das Thema „Kinderschänder“ verbreiten können. Dabei haben sie sich bereits durch den Begriff „Kinderschänder“ fachlich disqualifiziert, wie die Leiterin der Beratungsstelle „Zartbitter“ gegenüber „Publikative“ erklärt. Durch den Terminus würden die Opfer fortan in Schande leben und so zusätzlich verletzt.
Somit bleibt abzuwarten, wie Facebook in diesem Fall reagiert. Bewusst gehen die Administratoren äußerst sorgsam vor und, dem US-Unternehmen soll im Gegensatz zum vergangenen Jahr kein Anlass für eine Löschung gegeben werden. Die Macher können nun einer Viertelmillion Personen NPD-Propaganda und Positionen der extremen Rechten verbreiten. Oft werden die Botschaften nur
unterschwellig an die Nutzer gebracht, allzu offenkundig die Ideologie der rechtsextremen Partei zu publizieren wĂĽrde etliche Teilnehmer nur abschrecken.
Mittlerweile regt sich jedoch auch der Widerstand. Gruppen wie „1.000.000 Stimmen gegen die Instrumentalisierung von Kindern für Propaganda“ oder „Löschen der Seite: Keine Gnade für Kinderschänder“ versuchen, Aufklärungsarbeit über die Hintergründe zu leisten. Die Satire-Seite „Arbeitskreis vom Millionär zum Tellerwäscher in der NPD“ veröffentlicht regelmäßig Screenshots über Neonazi-Propaganda in der Gruppe, die meist schnell wieder entfernt wird. Mehrere Personen informieren zudem in dem Event selber über die Instrumentalisierungsversuche der Initiatoren.
Da Facebook dafür bekannt ist, recht träge oder gar nicht zu reagieren, hat somit die Webgemeinde die Initiative ergriffen. Und das ist gut so.






