Für die Sommerferien will Ines Schreiber ihre Söhne erneut zum Zeltlager auf Gut Göhlis bei Riesa anmelden. Eine Woche lang können Hagen und Toralf (Namen geändert) dann wieder mit anderen Kindern aus der größten Stadt im sächsischen Landkreis Meißen in den Elbauen übernachten, spielen und lernen.
„Ja, die Natur liegt mir sehr am Herzen, in der neumodischen Erziehung kommt sie ja zu kurz“, sagt die freundliche Frau Ende 30, die sich darüber aufregt, dass die meisten Kinder nur vor dem Computer hockten. Schon das Wort! Ines Schreiber deutscht auch selbstverständliche Fremdwörter ein: Aus der E-mail wird die E-post, aus dem T-Shirt das T-Hemd. So bringt sie es ihren Söhnen bei. Das „Völkische Deutsche“ spielt in der Erziehung von Hagen und Toralf eine zentrale Rolle. Ihre Mutter spricht von der „Linde als Mutterbaum“ und hat ihnen früh die Geschichte vom Donnergott Thor erzählt. „Deshalb haben sie auch keine Angst vor dem Gewitter.“
Ines Schreiber trägt das freundliche Gesicht der rechtsextremen NPD spazieren. Sie läuft in einem naturfarbenen knöchellangen Kleid aus grobem Leinen umher. Ein CDU-Funktionär aus der Gegend sagt: „Wenn ich es nicht anders wüsste, würde ich sagen, die ist bei den Grünen.“ Ihr Gatte Peter ist Berufsfunktionär der NPD. In Sachsen wird diese oft mit den demokratischen Parteien gleichgesetzt. Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer spricht deshalb von einem „Normalisierungseffekt“, den die Schreibers durch ihre „offene Art“ vorantreiben. „Überall dort, wo die NPD schon mal in ein Parlament eingezogen ist, normalisiert sich das Verhältnis der Bevölkerung zu dieser Partei“, stellt Heitmeyer fest. Seit acht Jahren sitzt die NPD im sächsischen Landtag. Dank ihrer Verbürgerlichungsstrategie.
Holger Apfel, der NPD-Bundesvorsitzende und Vorsitzende der hiesigen Landtagsfraktion, ein enger Freund der Schreibers, nennt das den „sächsischen Weg“. Ihm entlang versuchen die Neonazis, Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendbetreuung sowie Sportvereine für ihre Propaganda zu instrumentalisieren. Begonnen hatte diese Strategie 1999 – in Riesa mit der Ansiedlung des Verlags „Deutsche Stimme“, dem Verlagshaus der NPD, in dem auch die gleichnamige Mitgliederzeitung der Partei erscheint. Holger Apfel, gelernter Verlagskaufmann, etablierte den Laden in einer weiß getünchten Lagerhalle mitten in einem gediegenen Wohngebiet. Peter Schreiber, gelernter Finanzwirt, wird zu Apfels wichtigstem Mann im Verlag. Zuletzt hat in der Geschäftsführung auch ein Neonazi des ehemaligen „Thüringer Heimatschutzes“ mitgewirkt, aus dem sich der terroristische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) gründete. Zwar versammelt Schreibers Partei zahlreiche junge gewaltbereite Aktivisten, aber auf der öffentlichen Bühne präsentiert sie in Sachsen nur vermeintlich bürgerliche Familienmenschen. Im Riesaer NPD-Verlag gehört das Thema Kindererziehung zum Teil ihrer völkischen Ideologie: „Wir dürfen nicht weiterhin die Bereiche Bildung und Erziehung den Etablierten überlassen. Unser Ziel muss es sein, einer charakterfesten, gesunden und allgemeingebildeten deutschen Jugend Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zum Wohle des gesamten Volkes zu geben“, heißt es in einem Artikel der „Deutsche Stimme“. Mütter wie Ines Schreiber, die im Ring Nationaler Frauen (RNF) aktiv ist, der Frauenorganisation der NPD, stehen dafür ein.
Nazi-Geselligkeit
Die NPD-Aktivistin sitzt an einem Holztisch im Kameradschaftsraum des Verlags. Ein schaler Biergeruch hängt in der Luft. „Tja, so sind eben Jungs“, sagt sie entschuldigend zu den Spuren eines Kameradschaftsabends vom Vortag. Hier werden Neonazis aus der Region gesellig. Hierher laden die Schreibers und die Apfels auch Menschen ein, die sie über ihre Kinder kennenlernen. Zum zwanglosen Fußballgucken. Außer dem verschütteten Bier prangt eine „Schwarze Sonne“ auf dem Fußboden – ein Symbol für die SS. Auf der ostwestfälischen Wewelsburg, dem Hauptkultplatz der SS im Dritten Reich, ist sie als Bodenrelief zu sehen. Frau Schreiber schaut ihrem Gesprächspartner oft ins Gesicht, aus braunen Augen, die mit Lachfältchen gerahmt sind. Die gelernte Krankenschwester ist eine selbstbewusste Frau. Die Erziehung ihrer Kinder sei ihr Herzenssache, sagt sie. Das sagen aber auch jene, denen die völkischen Ideale von Frau Schreiber Angst machen.
Stimmung kippte spät
Zum Beispiel Andreas Näther. Der Sozialarbeiter ist Geschäftsführer des Riesaer Trägervereins „Sprungbrett“, dem das Gut Göhlis, ebenso einige Kinder- und Jugendtreffs angehören: „Die Nazi-Eltern versuchen, das Umfeld ihrer Kinder und die Sportvereine als Kontaktfläche zu nutzen“, so Näther. Die Schreibers agitierten nicht offen in den Schulen ihrer Söhne. „Aber sie versuchen, sich beliebt zu machen, wollen ihren Namen positiv besetzen“, sagt Näther. Deshalb war Ines Schreiber im Elternbeirat der Grundschule ihrer Jungs tätig und hat Projekttage mit organisiert. Dass sie sich offen zum Rechtsextremismus bekannte, in einer Partei aktiv ist, die eine völkische Gesellschaftsordnung errichten will, störte die übrigen Eltern zunächst nicht. Erst als die Zeitung darüber berichtete und Andreas Näther mit einigen anderen den „Riesaer Appell“ ausrief, kippte die Stimmung zu Ungunsten der Rechtsextremisten. Der Appell richtet sich offen gegen den sächsischen Weg und das Einsickern der Rechtsextremisten in die Mitte der Gesellschaft. 1000 Menschen haben ihn bereits unterzeichnet. Seinen Initiatoren geht es darum, die Menschen vor Ort für die perfide Strategie der Neonazis zu sensibilisieren. Näther legt aber Wert darauf, nicht deren Kinder verdammen zu wollen. So wird er es auch in diesem Jahr wieder zulassen, dass Hagen und Toralf am Sommercamp teilnehmen. „Aber wir wissen natürlich, dass Frau Schreiber jede Gelegenheit nutzt, um auf diese Weise mit anderen Eltern ins Gespräch zu kommen.“
Unter Nachbarn
Wie die dreifache Mutter Jasmin Apfel. Die Ehefrau des NPD-Chefs und Bundesgeschäftsführerin des RNF ist Stammkundin in der „Kaufhalle“. Das „Familienhaus“, eine Art familiäre Begegnungsstätte in der Freitaler Straße, behielt den Namen aus DDR-Zeiten, als die heute lindgrün überstrichene Betonbaracke noch eine wirkliche Kaufhalle und kein Hort war. Seit der Wende arbeitet Heike Schreiber dort – die nicht mit der NPD-Frau Ines verwandt ist. Sie kümmert sich um Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Ab mittags trudeln sie hier ein; von den Kleinsten bis hin zu den 20-Jährigen. Dazu 20 bis 30 Eltern, und fast täglich ist Jasmin Apfel mit dabei. Seit fast vier Jahren verbringt sie den Großteil ihrer Freizeit mitten unter Nachbarn. So wie es die Parteistrategie vorsieht. Die 28-jährige Neonazistin ist selbst Erzieherin, nach eigenen Angaben studiert sie zusätzlich Bildungswissenschaften.
„Die Familienbeteiligung ist Teil unseres Konzeptes“, erklärt Heike Schreiber. Das will sie nicht aufgeben, nur weil eine der Mütter die Ehefrau des NPD-Chefs ist. Sie setzt auf Gespräche statt Ausgrenzung. Erst einmal habe eine Familie die „Kaufhalle“ wegen der Apfels verlassen. Oberstes Gebot sei natürlich, dass die Rechtsextreme Apfel den Ort nicht zur politischen Agitation nutze. „Darüber spreche ich regelmäßig mit ihr.“ Seit der „Riesaer Appell“ veröffentlicht ist, haben alle drei hauptamtlichen Mitarbeiter eine Weiterbildung zum Thema „Rechtsextremismus“ absolviert. Sie wissen, was der „sächsische Weg“ ist. Heike Schreiber fühlt sich gewappnet, weiß aber auch, dass ihre Arbeit von der Stadt und der Landesregierung kritisch beäugt wird. „Das ist ein ziemlicher Druck, den wir hier aushalten müssen. Stets haben wir darauf zu achten, was Frau Apfel so treibt“, beklagt sie. Und: Dass es mit ihr schon eine verrückte Geschichte sei: „Stellen Sie sich vor, die macht auch Hausaufgaben mit türkischstämmigen Mädchen!“
Foto: Justine Dressel, Lizenz: CC






