In der DDR
Die DDR machte den Antifaschismus zur Staatsdoktrin und so war ihre Gründungszeit durch eine rigorose Entnazifizierung gekennzeichnet. Das harte Vorgehen des Staates führte wenig später zur Vorstellung, die Wurzeln des Faschismus seien vollständig ausgerottet – Straftaten durch rechtsextremistisch eingestellte Jugendliche wie z. B. Hakenkreuz-Schmierereien gab es jedoch nach wie vor. Derartige Vorfälle sowie das Thema Rechtsextremismus in Ganze wurden allerdings in der DDR tabuisiert und der Staat ging dazu über, das rechtsextreme Potential im eigenen Land zu verheimlichen.
Dem öffentlichen Tabu zum Trotz wuchs die rechtsextreme Szene in der DDR beständig an. Ende der 1970er Jahre formierte sich eine Hooliganszene, Anfang der 1980er Jahre entstanden die ersten Skinheadgruppen. Kurz darauf folgte eine Differenzierung der Skinheadszene in rechtsextreme und unpolitische. Bereits Mitte der 1980er Jahre gab es in allen ostdeutschen Großstädten Skinheadgruppen; insgesamt waren der DDR-Polizei in dieser Zeit rund 1.500 rechtsextreme Jugendliche bekannt.
Mit dem Zuwachs in der Szene steig auch das Gewaltpotenzial der Skinheads. Die Staatssicherheit zeigte sich Ende der 1980er Jahre überrascht über Umfang und Härte der gewaltsamen Übergriffe. Nach der staatlichen Tabuisierung des Themas Rechtsextremismus war dieses nun wieder in den Nachrichten angekommen. Zu dieser Zeit setzte in der DDR eine staatliche Repressionswelle gegen Rechtsextremisten ein – gefolgt von einer Welle von Verhaftungen. Zudem wurden vermehrt Einreiseverbote für westdeutsche Rechtsextremisten ausgesprochen und ostdeutschen Skinheads die Übersiedlung in die Bundesrepublik genehmigt. Die staatlichen Maßnahmen bewirkten eine Umorientierung in der rechtsextremen Szene. Die neue Strategie sah eine Unterwanderung staatliche Massenorganisationen wie der Freie Deutsche Jugend vor, um so an Einfluss zu gewinnen. Gleichzeitig begann die Szene damit sich straffer zu organisieren. Skinheadgruppen schärften ihr Profil durch strengere Aufnahmerituale und schärfere Abgrenzung zu anderen Gruppen.
Damit zeigt sich, dass Rechtsextremismus und Neonazismus in der DDR nie ganz verschwunden waren, u.a. die vom SED-Regime sozialisierte antidemokratische Einstellungen in der Bevölkerung (Autoritarismus, Antipluralismus, Freund-Feind-Denken, staatliche Segregation und Ghettoisierung und eine im Vergleich zum Westen schwächere Integrationspolitik für Migranten) förderten diese Haltung. Gleichsam war der Rechtsextremismus in der DDR aber auch kein Massenphänomen.
Nach der Wiedervereinigung
Mit der Wiedervereinigung fand ein Zusammentreffen der Rechtsextremen aus Ost- und Westdeutschland statt. Ein massenhafter Zulauf für die rechtsextreme Szene blieb allerdings aus. Allerdings schlug die anfängliche große Zuversicht der Wiedervereinigung in Teilen der Bevölkerung bereits in den ersten Jahren in Enttäuschung und Frustration um. Harte Umbrüche und Massenarbeitslosigkeit brachten den Rechtsextremen neue Mitglieder ein; vor allem jüngere Altersgruppen versuchten so ihren Unmut zu artikulieren. Daraus resultierte eine neue Welle rechtsextremistischer Straftaten, die in den 1990er Jahren sprunghaft anstieg. Belief sich die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten 1990 auf 178 waren es nur ein Jahr später bereits 849. 1992 erreichte die Gewaltwelle ihren Höhepunkt mit 1.485 Straftaten. Bis Mitte der 1990er sank die Anzahl der Verbrechen auf 612 (1995), nur um in den folgenden Jahren wieder anzusteigen.
Bemerkenswert bleibt dabei, dass rechtsextremistische Gewalt genau dort am stärksten verbreitet ist, wo im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung die wenigsten Migranten leben und umgekehrt – 1999 wurden in den neuen Bundesländern (Ausländeranteil zwischen 1,5 und 2,3 Prozent) 2,19 Gewalttaten je 100.000 Einwohner registriert und in den westlichen Ländern (Ausländeranteil zwischen 8,1 und 15,2 Prozent) 0,68. Der Staat regierte auf den Anstieg rechtsextremistischer Straftaten mit zahlreichen Verboten von rechtsextremen Vereinen ausgehend vom Bundesministerium des Innern, was das Ausmaß an Gewalttaten in dieser Zeit zu senken vermochte.
In den letzten Jahren ist eine immer stärkere Vernetzung in der rechtsextremen Szene erkennbar. Dies wird vor allem bei großen Demonstrationen beispielsweise anlässlich des Gedenktages an die Luftangriffe auf Dresden am 13. Februar ersichtlich. Hier treten verschiedenste Gruppen parteipolitisch agierender Rechtsextremisten, Mitglieder rechtsextremer Kameradschaften sowie Anhänger der Freien Kräfte zusammen. Die Beziehung dieser drei Gruppen ändert sich beständig in ihrer Gewichtung untereinander. So fand Anfang der 2000er Jahre in der rechtsextremen Kameradschaftsszene eine Auflösung fester Strukturen statt und parallel dazu ein stetiger Mitgliederzuwachs der Freien Kräfte.
In den letzten Jahren hat sich diese Entwicklung umgekehrt. Heute sind es wieder die Kameradschaften, die einen „Aufschwung“ verzeichnen, wohingegen sich Auflösungsprozesse in den beiden anderen Gruppen zeigen. Damit einher steig die Attraktivität einer Mitgliedschaft in einer Gruppe mit einer konkreten Bezeichnung und klarer Hierarchie. Insgesamt verringert sich die Mitgliederzahl in der rechtsextremistischen Szene im Freistaat Sachsen beständig. 2006 zählte der Sächsische Verfassungsschutz ca. 3.180 aktive Rechtsextremisten. 2009 waren es noch rund. 2.700, ein Jahr später noch ca. 2.670. Betroffen von dem Mitgliederschwund waren in den letzten Jahren vor allem die rechtsextremistischen Parteien und hier ganz besonders die DVU Sachsen. 2010 schwächte sich der Schrumpfungsprozess gegenüber den Vorjahren zwar ab, doch kann seit 2006 ein Rückgang an Mitgliedern um gut 16% in der rechten Szene konstatiert werden.
Stand 10/2011





