Udo Voigt kann sich nicht vorstellen, dass man ihm den Weg ins Stadion heute verwehren würde. Aber der Gedanke daran scheint ihm zu gefallen. Denn so ein kalkulierter Skandal kommt bei der Klientel seiner rechtsextremen NPD immer gut an. Morgen ist Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, und da passt es dem Parteivorsitzenden gut, dass am Vorabend die Fußballnationalmannschaft in Kaiserslautern in der EM-Qualifikation gegen Kasachstan spielt. In der Mittelstadt leben gerade mal doppelt so viele Menschen, wie das Fritz-Walter-Stadion fasst, das Platz für 49.000 Besucher hat. Für ein paar Stunden werden sich heute das riesige nationale Fußballinteresse und der bei Länderspielen übliche Medienrummel konzentrieren. Die zu erwartende Aufmerksamkeit könnte sogar noch für die überschaubare Zahl an NPD-Wahlkämpfern reichen.
Darauf setzt auch Voigts heutiger Begleiter Markus Walter. Der Neonazi ist stellvertretender Landesvorsitzender in einer Zeit, in der die NPD im Westen Deutschlands kurz vor der Bedeutungslosigkeit steht. Und so kokettiert er am Telefon damit, dass „wir drei Karten für das Spiel haben.“ Gerne würde man jetzt sehen, wie er sie in der Hand hält und durch die pfälzische Frühlingsluft wedelt. Man muss es ihm wohl glauben. Genauso wie man Voigt glauben muss, dass er gerne zum Spiel gehen würde. „Schließlich trage ich keine Kleidung, die im Stadion unerwünscht wäre“, sagt er süffisant, und spielt damit auf die unter Rechtsextremisten beliebte Modemarke „Thor Steinar“ an, die in vielen deutschen Fußballstadien verboten ist.
Voigt, Walter und ein paar andere NPD-Aktivisten wollen den Fanauftrieb für ihre Propaganda nutzen. Tagelang hat man sich mit der Stadt und dem Verwaltungsgericht Neustadt über eine Kundgebung unmittelbar vor dem Spiel, über einen Aufmarsch vom Bahnhof zum Stadion sowie über die Route für einen Lautsprecherwagen gestritten. Die Partei wird heute in Kaiserslautern präsent sein. Wie auch immer. Kein anderes Thema eignet sich besser für die neue Medienstrategie der NPD, für den kalkulierten Skandal – als der Fußball. Der Berliner Medienjournalist und Buchautor Christoph Schultheis („Heile Welten – rechter Alltag in Deutschland“) erklärt, wie das funktioniert: „Die NPD lässt sich etwas einfallen, von dem sie weiß, dass es von vielen Medien aufgegriffen wird als Skandal. Und diese negative Schlagzeile ist für die NPD schon ein Gewinn, weil man sonst deutlich weniger über sie berichten würde.“ So eine Provokation ist beispielsweise der Hinweis auf den multikulturellen Charakter der Fußballnationalmannschaft: „Weiß – nicht nur eine Trikotfarbe“ lautet ein Slogan, mit der es die Partei immer wieder in die Öffentlichkeit schafft. Deshalb wollte sie sich unter diesem Motto auch heute wieder in Kaiserslautern präsentieren.
Den Fußball musste auch Claus Cremer im vergangenen Jahr bemühen, um sich als Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen überhaupt bekannt zu machen. Allerdings zu spät: Erst nach der dortigen Landtagswahl, bei der die NPD mit 0,9 Prozent der Stimmen scheiterte, wurde bekannt, dass er als Betreuer der Mini-Kicker-Mannschaft seines Sohnes beim DJK Wattenscheid wirkt. „Vor der Wahl hatten wir alles versucht, um in die Medien zu kommen, aber erst später, als die Sache mit dem Fußballverein bekannt wurde, haben sich die Redaktionen in ihrer aufgeregten Berichterstattung überschlagen“, sagt Cremer nun - im Jahr nach der verlorenen Wahl.
Auch das Beispiel Sachsen-Anhalt zeigt, wie wirksam der Fußball für die NPD sein kann. Dort scheiterte sie zwar mit 4,6 Prozent knapp an der Fünf-Prozent-Hürde zum Einzug in den Landtag, aber ein Fußballtrainer erreichte fast den doppelten Wert: Landtagskandidat Lutz Battke fuhr in Nebra das beste Ergebnis aller Kandidaten ein. „Unser Trainer heißt Battke“ hieß es auf Aufklebern, die von der NPD massenhaft im Wahlkampf verbreitet wurden. Im vergangenen Jahr sollte Battke als Fußballtrainer aus dem Verein BSC Laucha ausgeschlossen werden, weil er dort Jugendlichen rechtsextreme Alltagskultur vorlebte. Das wurde bewusst von der NPD skandalisiert und wie gewünscht von den Medien transportiert.
Und noch ein Grund spricht dafür, dass die NPD sich heute in Kaiserslautern zeigt: In Sachsen-Anhalt erzielte sie das beste Ergebnis unter jungen Männern; dort wurde sie von 17 Prozent der 18- bis 24-jährigen Männer gewählt. Dieser Trend gilt – wenn auch auf niedrigerem Niveau – deutschlandweit. Auch deshalb hat Markus Walter schon im Herbst mit seiner NPD vor dem 3:0 – Sieg der Lauterer gegen Borussia Mönchengladbach auf dem Bahnhofsvorplatz für seine Partei geworben. Das war so etwas wie der Wahlkampfauftakt. Heute soll der Abschluss sein. Wie auch immer die Wahl ausgeht, Udo Voigt würde sich heute auf jeden Fall über einen Sieg der deutschen Mannschaft freuen. „Aber wenn der Mesut Özil ein Tor schießt, kann ich mich nicht darüber freuen.“
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