Erst als das rhythmische Trommeln der uniformierten Marschierer aus der Kameradschaft „Freies Pommern“ hinter den roten Backsteinmauern in der Ortsmitte von Ferdinandshof abklingt, findet Gerold Seidler seine Stimme wieder. Aber der hoch gewachsene Bürgermeister ist noch ziemlich blass. Es dauert ein paar Minuten, bis seine gewöhnliche Gesichtsfarbe zurückkehrt. „Ich nehme es ihm sehr übel, dass er heute hier mit so einer großen Schar uniformierter Leute eine Drohkulisse aufbaut, und Angst über unsere Gemeinde bringt.“ Vor einer Minute erst ist ein geschlossener Kordon von 300 Neonazis, angeführt von Trommlern und Fahnenträgern, an einem Dutzend schweigender Gemeinderatsmitglieder vorbeigezogen. Vorneweg der 32-jährige Landtagsabgeordnete der rechtsextremen NPD, Tino Müller, der zehn Fahrradminuten von hier im Nachbarort lebt. Seidler ist im Hauptberuf Leiter der Grundschule, wo er Müllers Sohn unterrichtet. „Auch einige von denen, die hier marschiert sind, sind durch meine Hände gegangen“, sagt er.
Drei Stunden lang haben Müller und seine Horde den Ort mit ihrer Forderung nach einer „Todesstrafe für Kinderschänder“ penetriert. Sind durch die wichtigsten Straßen gezogen, haben die Menschen über einen Lautsprecherwagen beschallt. Bevor sie sich zur Abschlusskundgebung neben einem zentralen Kinderspielplatz im weiten Kreis aufstellen, halten sie vor dem Haus eines einschlägig verurteilten Forensik-Patienten eine zehnminütige Mahnwache ab. Auch hier wirbeln die Trommelstöcke. Das ist der Höhepunkt einer Kampagne gegen den Mann, den die NPD ihrerseits für eigene Zwecke missbraucht. Der Betroffene hat kürzlich die 3.000-Einwohner-Gemeinde im äußersten Nordosten der Republik verlassen. Vermutlich aus Angst. Mit einem Schild „hier wohnt der Kinderschänder“ hatten sie in seiner Straße auf ihn hingewiesen. Und jetzt steht der Kreistagsabgeordnete Marko Müller, der Bruder des Landtagsabgeordneten Müller, an gleicher Stelle und brüllt in ein Megafon. „Nur mit der Todesstrafe können wir sicher gehen, dass diese Bestien nie wieder durch einen Richterbeschluss auf die Menschheit losgelassen werden. Wer das Leben unserer Kinder zerstört, der hat das Recht auf das eigene Leben verwirkt“, ruft er jetzt mit brüllender Stimme – als sei dies ein Volksgericht. „Nach unseren Informationen sollen sich drei weitere Straftäter aus der Forensik Ueckermünde hier im Amt Torgelow-Ferdinandshof aufhalten. Und das, ohne die Öffentlichkeit zu informieren.“
Vorpommern, die östliche Hälfte des Bundeslandes, hat vor vier Jahren den Einzug der NPD in den Schweriner Landtag garantiert: In den Gemeinden um Ferdinandshof haben mehr als doppelt so viele Menschen die NPD gewählt wie im Landesdurchschnitt: 15 Prozent. Im Dorf Wilhelmsburg, gleich hinter dem Ortsausgangsschild, war sie mit 27,9 Prozent die stärkste Partei. Und seit die NPD im Landtag ist, sehen sie immer mehr Menschen als eine Partei wie jede andere an. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür lieferte in diesem Jahr die Universität Bielefeld mit einer Studie unter den Bürgern Anklams im angrenzenden Landkreis Ostvorpommern. Jeder Dritte hält die NPD dort für eine normale Partei. „Das kann man durchaus auf die gesamte Region übertragen, auch auf Ferdinandshof“, schätzt der Rechtsextremismus-Experte Günther Hoffmann, der die hiesige Szene seit Jahren beobachtet.
Einige Menschen stehen in den Vorgärten und verfolgen den Aufmarsch der Neonazis wie einen Umzug zum Stadtjubiläum. Viele kennen sich. Gelegentlich wird gewunken. „Mein Sohn ist ja auch mit dabei“, sagt ein Mann, der auf dem kurz geschnittenen Rasen vor seinem Bungalow steht: „Es ist doch in Ordnung, wenn er für seine Sache einsteht, und sich hier präsentiert. Ich fände es aber besser, wenn er sich nicht nur für die Todesstrafe für Kinderschänder einsetzt, sondern generell auch für Totschläger.“ Darüber will er gleich morgen „auf Arbeit“ mit seinen Kollegen sprechen. „Von denen habe ich ja auch einige hier gesehen.“ Die meisten Marschierer gehören zu den einflussreichen Neonazikameradschaften, die sich in der Vereinigung „Freies Pommern“ zusammengeschlossen haben. Junge Männer, deren verschworene Gemeinschaft in den Dörfern tonangebend ist. Sie tragen schwarze Zimmermannshosen und blaue Fischerhemden aus Baumwolle. In der NPD sind die wenigsten von ihnen. Landesweit hat die Partei nur 350 Mitglieder. Auch für Michael Andrejewski, NPD-Landtagsabgeordneter aus Anklam, der hier heute mit marschiert, ist die „NPD nur ein Instrument“. Mittel zum Zweck, um hier eine völkische Wertegemeinschaft aufzubauen, die eine immer größer werdende sogenannte „national befreite Zone“ besetzt. Darin haben Andersdenkende und Andersartige nichts zu suchen. Die Völkischen haben Ferdinandshof heute im Griff. Ähnlich dem roten Vogel Greif auf ihren blau-weißen landsmännischen Fahnen. „Sie setzen ganz auf die regionale Identität – das kommt hier gut an“, sagt Hoffmann. Zumal in einer Gegend, in der sich viele von der Politik ausgeschlossen fühlen. Von der eigenen Landeshauptstadt, von Berlin, sowieso.
Eine beliebige Umfrage unter 20 Menschen am Straßenrand ergibt: Niemand widerspricht den Neonazis. Im Gegenteil: Mit ihrer Forderung treffen sie den Volkszorn, den sie selbst entfacht haben. „Wir sind doch froh, dass die uns darüber aufklären, dass solche Schweine unter uns leben“, sagt ein Mann auf der „Straße der Freundschaft“, „alle anderen schweigen das doch tot“.
In anderen Teilen Deutschlands muss die NPD ihre Marschierer mit Bussen herbeischaffen, um 300 Leute auf die Straße zu bringen. Dieser Mob aber kommt von hier. Der entvölkerte Landkreis Uecker-Randow gilt als der ärmste Deutschlands. Die weite Gegend diesseits des Stettiner Haffs ist dabei reich an ursprünglicher Natur: Die Luft ist klar, die tiefen Wälder, in denen nachts die Hirsche röhren, stehen jetzt voller Pilze. Die Schriftstellerin Judith Zander beschreibt die Gegend in ihrem aktuellen Heimatroman („Dinge, die wir heute sagten“) als „das Zentrum des Nichts“. Mit allen juristischen Mitteln versucht die schwarz-rote Landesregierung nun dagegen zu steuern, dass sich dieses Nichts mit dem völkischen Geist der Neonazis füllt: Die Universität in Greifswald gab sich kürzlich eine Hausordnung, die das Tragen einschlägig politisch belasteter Kleidung untersagt. Die Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) setzte einen Radikalenerlass durch, demnach sich Kita-Betreiber zum Grundgesetz bekennen müssen, nachdem Neonazis versucht hatten, auch in diese Branche einzudringen. Und dem Neonazi Tino Müller wurde die Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Ferdinandshof verwehrt -weil er nicht verfassungstreu ist. Immerhin zählte er zu den wichtigsten Aktivisten der verbotenen rechtsextremen Jugendorganisation „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), einer Neonazi-Organisation für Kinder und Jugendliche.
Amtsinhaber Seidler aber wäre gerne gegen Müller angetreten. Das Kandidatur-Verbot sei doch bloß „Wasser auf die Mühlen der Bevölkerung, die es nicht gut findet, dass man Müller die Möglichkeit nimmt, Bürgermeister zu werden.“ Und davon gibt es hier reichlich, nicht nur unter den NPD-Wählern. Seidel ist sich sicher, dass er gewonnen hätte. Die beliebige Umfrage unter Menschen am Straßenrand von Ferdinandshof fiel heute nicht so eindeutig aus.






