Mittwoch, den 10. März 2010 um 02:22 Uhr

Von der "Holocaust-Religion" zum "Schoah-Kult": Über eine bemerkenswerte Begegnung zwischen "Junge Freiheit" und "taz"

Verfasst von Mathias Brodkorb
iris-hefetsAls JF-Autor Thorsten Hinz vor ziemlich genau einem Jahr gegen die "Holocaust-Religion" in den publizistischen Krieg zog, vermeldeten Deutschlands Kliniken in den "Abteilungen für akute Schnappatmung" Bettennot. Man mag sich daher gar nicht vorstellen, was für eine Behandlungswelle in den nächsten Tagen auf das deutsche Gesundheitssystem zurollt, nachdem nun ausgerechnet auch die "taz" vor dem "Schoah-Kult" warnt.
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"Der mächtigste Dämon der Gegenwart ist die Zivilreligion, in der Auschwitz an die Stelle Gottes tritt", ätzte Hinz im Februar 2009 auf der Titelseite der rechtskonservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF), die auch gern als "rechte taz" (Kubitschek) bezeichnet wird. Der Holocaust werde zunehmend dem wissenschaftlichen Zugriff entzogen und mittels "sakraler Sprachgebung auf die Höhe eines Mysteriums gestemmt, das priesterlicher Vermittlung bedarf", so Hinz. Anlass für diese zugespitzten Worte war die in Deutschland grassierende Debatte um Rücknahme der Exkommunikation von Bischof Williamson durch Papst Benedikt XVI. am 24. Januar 2009 sowie die öffentliche Reaktion Angela Merkels. Diese, so Hinz, hätte am Ende vom Papst nichts anderes verlangt, als den christlichen Glauben der zivilen "Holocaust-Religion" zu subordinieren.

Es verwundert nicht, dass dieser Text im Beobachtermilieu für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgte. Das "Antifaschistische Infoblatt" (AIB) sah in Hinz' Text den Versuch, die Shoah zu einer reinen "Glaubensfrage" umzudeuten und somit wohl selbst als Ausdruck einer intellektuell ummäntelten Holocaustleugnung: "Gerade die Beschreibung der Shoa als Glaubensgrundsatz verschiebt die Vernichtung des europäischen Judentums im NS ins Reich des nicht Verifizierbaren. Die Realität der Shoa sei damit eine Frage des Glaubens." In "Der Rechte Rand" wurde schließlich gemutmaßt, Hinz könnte mit seinen Thesen auf die Tatsache angespielt haben, "dass in Deutschland die Wirklichkeit des Holocaust nicht bestritten werden darf" und sah daher eine immanente "Holocaust-Relativierung" am Werk. Und auch Armin Pfahl-Traughber konzentrierte sich für den "Blick nach Rechts" (BNR) vor allem auf die Feststellung, dass der Holocaust keine Sache des Glaubens sei, sondern ein historisches Faktum: "An eine Religion glaubt man, man muss sie nicht beweisen. An den Holocaust braucht man nicht zu glauben, er ist bewiesen. Darin besteht der bedeutende Unterschied."

Diese Deutungen der These von der "Holocaust-Religion" dürften spätestens seit dem 9. März 2010 einer neuerlichen Prüfung unterzogen werden müssen. Denn ausgerechnet für die linke Tageszeitung "taz" stellte die in Israel geborene Autorin Iris Hefets unter dem Titel "Pilgerfahrt nach Auschwitz. Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden" ganz ähnliche Thesen auf. Mit Blick auf die Erinnerungskultur der Gegenwart spricht sie von einem "Schoah-Kult", der sich sowohl in Deutschland als auch Israel zu einer "Art Religion mit festen Ritualen" entwickelt habe: "Dazu gehört - ungeachtet aller heutigen Realitäten - die feste Überzeugung, die Deutschen seien die ewigen Täter und die Israelis die ewigen Opfer (...) Diese Religion erfreut sich nicht nur in Israel großer Beliebtheit. Auch vielen Deutschen kommt eine solche Mystifizierung von Auschwitz gelegen. Denn wenn Auschwitz eine heilige Aura umgibt, dann muss man sich nicht mehr mit dem eigenen Potenzial zur Täterschaft auseinandersetzen."

Durch diese Konstruktion werde Auschwitz jedoch zu etwas "quasi Mystischem" erhoben. "Das Thema ist damit aus dem Diesseits und dem Feld der Politik in die Sphäre des Sakralen entrückt", so Hefets. Wenn man die nötigen Rituale dieser Religion korrekt befolge, könne man sich - wie Merkels Intervention im Falle der Piusbruderschaft beweise - mittels eines erschlichenen moralischen Vorteils sogar "päpstlicher als der Papst verhalten." Vor diesem Hintergrund sei es auch kein Wunder, meint die Autorin, dass "man in Deutschland zuweilen viel engagiertere Verfechter der israelischen Politik antrifft als in Israel selbst."

Hefets' Thesen entsprechen in der Sache dabei ungefähr dem, was Hinz vor einem Jahr in der Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF) zu Papier gebracht hatte. Die Reaktion erboster "taz"-Kommentatoren ließ daher nicht lange auf sich warten. Wie viele Hefets' Thesen einfach "widerlich" fanden, kann man schon kaum noch zählen. Ein Kommentator verstieg sich gar zu der Bemerkung: "
Hätte so auch in einem NPD-Blättchen stehen können. Gratulation. Ganz unten angekommen". Dabei ging es damals wie heute nicht um die Frage, ob der Holocaust eine historische Realität sei, sondern wozu diese historische Realität heute in den eigenen Köpfen ge- und missbraucht wird. Denn aus der These, der Holocaust übernehme im öffentlichen Leben inzwischen vielfach die Funktion einer Religion, zu schlussfolgern, dass es damit in Wahrheit um die Leugnung der Realität des Holocausts gehen müsse, macht logisch freilich nur von einem atheistischen Standpunkt aus Sinn, in dem der Glaube so etwas ist wie ein Hirngespinst. Und eben dieser Standpunkt ergibt mit Blick auf die Macher und Leser der JF nicht allzu viel Sinn. Man darf daher gespannt sein, zu welchen Analysen und Urteilen die offenkundige inhaltliche Übereinstimming von Autoren der JF und der taz nun führen wird.

Anlass von Hefets' Ausführungen war übrigens nicht die Papst-Kritik der Kanzlerin von vor einem Jahr, sondern die Unterbindung öffentlicher Diskussionsveranstaltungen mit dem umstrittenen Amerikaner Norman Finkelstein in Deutschland. Der "Jüdischen Zeitung" kann man in diesem Zusammenhang entnehmen, dass dafür der Antisemitismusforscher Clemens Heni verantwortlich sein soll. Für den Vorsitzenden der "Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost", Rolf Verleger, ist das allerdings nur ein Grund zum Kopfschütteln: "Aber wir leben schon in irren Zeiten, wenn der Nichtjude Heni und in der Folge nichtjüdische Arbeitskreise namens 'shalom' dem Juden Finkelstein, Sohn von Auschwitz- und Majdanek-Überlebenden, Judenhass gemäß EU-Norm vorwerfen."

Tatsächlich zirkuliert derzeit ein Dokument im Internet, das eine mail Henis vom 4. Februar 2010 an die Veranstalter darstellen soll und in der dieser Finkelstein des Antisemitismus bezichtigt und sich zu diesem Zweck auf eine "Definition von Antisemitismus durch die Europäische Union" beruft. "Als Politikwissenschaftler, der zur (sic!) Rechtsextremismus und Antisemitismus promoviert hat", heißt es weiter in dem Schreiben, sei er "erschüttert" über die geplante Veranstaltung mit Finkelstein und fordere deren Absage. Aufgrund der Debatte und des öffentlichen Drucks soll Finkelstein schließlich selbst auf die Vorträge bei der "Heinrich Böll Stiftung" sowie der "Rosa Luxemburg Stiftung" verzichtet haben.

Doch Heni scheint nicht nur selbst auszuteilen, sondern bisweilen auch einstecken zu müssen. Dies jedenfalls behauptete jüngst Benjamin Weinthal in der "Jerusalem Post". Demnach habe der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz angeblich seinen Einfluss genutzt "
to dismiss a scholar from the editorial board of the Journal for the Study of Antisemitism". Die Rede ist von keinem geringeren als Clemens Heni selbst, der allerdings noch im Februar wieder in die Redaktion der wissenschaftlichen Zeitschrift aufgenommen worden sein soll. Aber wer weiß: Vielleicht liegt der Chefredaktion der "taz" ja bereits umgekehrt das Schreiben eines Wissenschaftlers vor, in dem dieser sich "erschüttert" zeigt über Hefets' Text und seinerseits ein Schreibverbot einfordert. Verrückte Welt!

Mathias Brodkorb

Mathias Brodkorb

Mitglied des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern für die SPD, Gräzist und Philosoph, Mitbegründer von www.endstation-rechts.de

Website: www.endstation-rechts.de

5 Kommentare

  • Kommentar Link Quarktasche Mittwoch, den 10. März 2010 um 12:35 Uhr veröffentlicht von Quarktasche

    Zu verurteilen ist ja an sich gar nicht so sehr der Text Hefets in der Taz. Sie bewertet als ehemalige Israelin innerisraelische Vorgänge und Zusammenhänge.

    Sie sagt das Wort "Shoa" würde den Sachverhalt nicht beschreiben weil es der Religion entlehnt ist. "Auf Hebräisch bezeichnet man damit eine Katastrophe, die Gott über die Welt gebracht hat." Da hat sie sicherlich Recht. Wenn sie dann die innerisraelische "Erinnerungskultur" beginnt zu kritisieren(Auschwitz-Indien-Wehrdienst), dann kann sie vielleicht auch noch Recht haben.

    Zu verurteilen ist, wie das Thema dann dankbar von Deutschen Volksverhetzern aufgenommen wird. Natürlich ist der Artikel bei NS-Media "anmoderiert" und verlinkt, dient dann wieder als Grundlage für antisemitische Thesen.

    Zu kritisieren sind aber nicht nur die NS-Vertreter sondern auch "die Ehrbaren", die der Meinung sind, sie müssten der Kritik ein großes Forum geben. Sie transportieren sie(die Kritik) damit in einen anderen Kontext(innerdeutschen) und verzerren die Kritik dabei. Sie handeln dabei nicht im Interesse der (berechtigten?) Kritik auch wenn sie es glauben. Sie delegitimieren sie, wenn sie sie weiterführen.

    Wenn nur die Möglichkeit der Kritik an Hefes dann schon vorneweg als "Schreibverbot" diffamiert wird,(Vorletzter Satz des Artikels auf dieser Seite) dann bewegt man sich selbst schon lange in "mythischen Dimensionen" und macht sich im innerdeutschen Kontext angreifbar. Angreifbarer als Hefets Text in der Taz jemals sein wird.

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  • Kommentar Link Prof.Erhard Mittwoch, den 10. März 2010 um 22:57 Uhr veröffentlicht von Prof.Erhard

    Herr Quarktasche,

    was für ein Problem haben Sie denn mit einem Forum und einer Diskussion? Tatsächlich kommen die von ihnen zitierten "Volksverhetzer" von links, rechts und anderswo, um allerlei ideologiserte Umdeutungen an der Geschichte vorzunehmen... Ein klassisch stalinistisches Unterfangen übrigens, die Geschichte so lange zu "deuten" und zu fälschen, bis sie für die demagogischen Belange der egoistischen Tagespolitik einer selbsternannten, aber zutiefst kriminellen stalinistischen Elite taugt...

    Doch wie gesagt, dieses Problem droht von allen Seiten.

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  • Kommentar Link Quarktasche Donnerstag, den 11. März 2010 um 10:38 Uhr veröffentlicht von Quarktasche

    Prof.Erhard

    Wenn Sie Professor sind dann kennen Sie doch die Sekundär-/Primärquellen-Thematik!? Leben Sie doch eine Weile in Israel und schreiben einen Blog, da kann man dann wunderbar diskutieren. Sie "dürfen" dann sogar Vergleiche mit Deutschland anstellen...

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  • Kommentar Link Prof.Erhard Freitag, den 12. März 2010 um 18:50 Uhr veröffentlicht von Prof.Erhard

    Herr Quarktasche,

    mit welchen Dingen ich Vergleiche anstelle und mit welchen nicht, das überlassen Sie bitte mir.

    Irgendwelche verpeilte Nazikinder auf antideutschem Amok-Tripp sollten vielleicht zunächst ihre eigenen Probleme bearbeiten, bevor sie wirr agitieren.

    Schönen Tag noch.

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  • Kommentar Link Felix Agnosticus Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 01:54 Uhr veröffentlicht von Felix Agnosticus

    Torsten Hinz: Ich frage mich: Schaman oder Gegenpapst? Seine Infragestellung des Shoahgedenkens und des Bewusstseins von Auschwitz (und den - subsummierten - Vernichtungslagern) bei vielen Deutschen heute scheint selbst noch am wenigsten vom Wunsch nach mehr Wissenschaftlichkeit getragen zu sein, wenn er, der Nicht-gut-Mensch, sich an dem - wie er meint - religiös-zeremoniellen öffentlichen Vortrag der Gutmenschen stört. Wäre es vielleicht die Wissenschaftlichkeit eines Germar Rudolf, die er sich wünscht? Dabei ist jener unredliche ex-Doktorand gründlich entlarvt worden, und seine Promotion hatte er sich damit auch verbaut. Von Zündel und Leuchter gar nicht reden. So lange er, Hinz, weiter auf seine Schamanentrommel haut, so lange er die Metaebene der Problematik nicht verlässt (bspw. Holokaustleugner wegen Publikationsverbot und Knast den Status von politischen Gefangenen zukommen und damit sympathisch erscheinen lassen will), so lange er nach der Anerkennung der Eigentlichkeit des Vernichtungsprogrammes nicht pietätsvoll einen Punkt setzen kann, stattdessen kollektives Gedenken (und somit auch Gedenken und Bewussthaltung beim Einzelnen) verdächtig macht, vertieft er bei den meisten so wie bei mir nur einesteils eine Demutshaltung vor der Geschichte als solcher und andererseits die Überzeugung, es schon lange besser zu wissen. Religion und Wissen können sehr wohl ko-existieren (allerdings weiss ich als eingefleichter Agnostiker nicht, wie. Anerkennen tu ich's dennoch als real existierendes Phänomen). Und dieses Wissen macht immer noch bedrücken.
    Wie viel Religion benötigt die JF? Alain de Benoists Huldigungen eines pan-indogermanischen Heidentums (einst wurden die Indogermanen minus Zigeuner Arier genannt) werden vor den braven Kirchgängern und Klerusgetreuen gerne versteckt (suchen sie mal nach de Benoists "Heide sein" im JF-Buchladen!) Kontraproduktiv für einen Konsens im Rahmen eines nicht links-rechts-orientierten Konservatismus ist es! Der konservative *Christ* als nützlicher Idiot, soll er das Pferd vor dem Wagen auf dem Weg zu einem konservativen deutschen Kulturbewusstsein darstellen? So lassen sich nicht einmal 18000 Leser an der Nase herumführen, jedenfalls nicht auf Dauer, denn wollen sie einmal zur geistig-kulturellen Elite gehören, wird ihnen in der Auseinandersetzung mit umfassender Gebildeten unweigerlich die Hose runtergezogen werden. Da bin ich zuversichtlich. Wiegenlieder für schlechte Verlierer, und kontraproduktiv ist's und bleibt's, was er schreibt, der Herr Hinz.
    Bei den Grossen in der Politik meritierte kontraproduktives Handeln immerhin für ein Kapitel in Barbara Tuchmans "The March of Follies". Es sind, ich betone es nochmal, die Grossen und ihr Handeln. Hinz ist weder gross noch handelt er. Er schreibt, und für ein Blatt, das ab und zu von der taz wahrgenommen wird (während sich Die Zeit wie eine deutsche Eiche aufstellt). Auf mich wirkt er bloss pathetisch, der Herr Hinz.

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