Es verwundert nicht, dass dieser Text im Beobachtermilieu für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgte. Das "Antifaschistische Infoblatt" (AIB) sah in Hinz' Text den Versuch, die Shoah zu einer reinen "Glaubensfrage" umzudeuten und somit wohl selbst als Ausdruck einer intellektuell ummäntelten Holocaustleugnung: "Gerade die Beschreibung der Shoa als Glaubensgrundsatz verschiebt die Vernichtung des europäischen Judentums im NS ins Reich des nicht Verifizierbaren. Die Realität der Shoa sei damit eine Frage des Glaubens." In "Der Rechte Rand" wurde schließlich gemutmaßt, Hinz könnte mit seinen Thesen auf die Tatsache angespielt haben, "dass in Deutschland die Wirklichkeit des Holocaust nicht bestritten werden darf" und sah daher eine immanente "Holocaust-Relativierung" am Werk. Und auch Armin Pfahl-Traughber konzentrierte sich für den "Blick nach Rechts" (BNR) vor allem auf die Feststellung, dass der Holocaust keine Sache des Glaubens sei, sondern ein historisches Faktum: "An eine Religion glaubt man, man muss sie nicht beweisen. An den Holocaust braucht man nicht zu glauben, er ist bewiesen. Darin besteht der bedeutende Unterschied."
Diese Deutungen der These von der "Holocaust-Religion" dürften spätestens seit dem 9. März 2010 einer neuerlichen Prüfung unterzogen werden müssen. Denn ausgerechnet für die linke Tageszeitung "taz" stellte die in Israel geborene Autorin Iris Hefets unter dem Titel "Pilgerfahrt nach Auschwitz. Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden" ganz ähnliche Thesen auf. Mit Blick auf die Erinnerungskultur der Gegenwart spricht sie von einem "Schoah-Kult", der sich sowohl in Deutschland als auch Israel zu einer "Art Religion mit festen Ritualen" entwickelt habe: "Dazu gehört - ungeachtet aller heutigen Realitäten - die feste Überzeugung, die Deutschen seien die ewigen Täter und die Israelis die ewigen Opfer (...) Diese Religion erfreut sich nicht nur in Israel großer Beliebtheit. Auch vielen Deutschen kommt eine solche Mystifizierung von Auschwitz gelegen. Denn wenn Auschwitz eine heilige Aura umgibt, dann muss man sich nicht mehr mit dem eigenen Potenzial zur Täterschaft auseinandersetzen."
Durch diese Konstruktion werde Auschwitz jedoch zu etwas "quasi Mystischem" erhoben. "Das Thema ist damit aus dem Diesseits und dem Feld der Politik in die Sphäre des Sakralen entrückt", so Hefets. Wenn man die nötigen Rituale dieser Religion korrekt befolge, könne man sich - wie Merkels Intervention im Falle der Piusbruderschaft beweise - mittels eines erschlichenen moralischen Vorteils sogar "päpstlicher als der Papst verhalten." Vor diesem Hintergrund sei es auch kein Wunder, meint die Autorin, dass "man in Deutschland zuweilen viel engagiertere Verfechter der israelischen Politik antrifft als in Israel selbst."
Hefets' Thesen entsprechen in der Sache dabei ungefähr dem, was Hinz vor einem Jahr in der Wochenzeitung "Junge Freiheit" (JF) zu Papier gebracht hatte. Die Reaktion erboster "taz"-Kommentatoren ließ daher nicht lange auf sich warten. Wie viele Hefets' Thesen einfach "widerlich" fanden, kann man schon kaum noch zählen. Ein Kommentator verstieg sich gar zu der Bemerkung: "Hätte so auch in einem NPD-Blättchen stehen können. Gratulation. Ganz unten angekommen". Dabei ging es damals wie heute nicht um die Frage, ob der Holocaust eine historische Realität sei, sondern wozu diese historische Realität heute in den eigenen Köpfen ge- und missbraucht wird. Denn aus der These, der Holocaust übernehme im öffentlichen Leben inzwischen vielfach die Funktion einer Religion, zu schlussfolgern, dass es damit in Wahrheit um die Leugnung der Realität des Holocausts gehen müsse, macht logisch freilich nur von einem atheistischen Standpunkt aus Sinn, in dem der Glaube so etwas ist wie ein Hirngespinst. Und eben dieser Standpunkt ergibt mit Blick auf die Macher und Leser der JF nicht allzu viel Sinn. Man darf daher gespannt sein, zu welchen Analysen und Urteilen die offenkundige inhaltliche Übereinstimming von Autoren der JF und der taz nun führen wird.
Anlass von Hefets' Ausführungen war übrigens nicht die Papst-Kritik der Kanzlerin von vor einem Jahr, sondern die Unterbindung öffentlicher Diskussionsveranstaltungen mit dem umstrittenen Amerikaner Norman Finkelstein in Deutschland. Der "Jüdischen Zeitung" kann man in diesem Zusammenhang entnehmen, dass dafür der Antisemitismusforscher Clemens Heni verantwortlich sein soll. Für den Vorsitzenden der "Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost", Rolf Verleger, ist das allerdings nur ein Grund zum Kopfschütteln: "Aber wir leben schon in irren Zeiten, wenn der Nichtjude Heni und in der Folge nichtjüdische Arbeitskreise namens 'shalom' dem Juden Finkelstein, Sohn von Auschwitz- und Majdanek-Überlebenden, Judenhass gemäß EU-Norm vorwerfen."
Tatsächlich zirkuliert derzeit ein Dokument im Internet, das eine mail Henis vom 4. Februar 2010 an die Veranstalter darstellen soll und in der dieser Finkelstein des Antisemitismus bezichtigt und sich zu diesem Zweck auf eine "Definition von Antisemitismus durch die Europäische Union" beruft. "Als Politikwissenschaftler, der zur (sic!) Rechtsextremismus und Antisemitismus promoviert hat", heißt es weiter in dem Schreiben, sei er "erschüttert" über die geplante Veranstaltung mit Finkelstein und fordere deren Absage. Aufgrund der Debatte und des öffentlichen Drucks soll Finkelstein schließlich selbst auf die Vorträge bei der "Heinrich Böll Stiftung" sowie der "Rosa Luxemburg Stiftung" verzichtet haben.
Doch Heni scheint nicht nur selbst auszuteilen, sondern bisweilen auch einstecken zu müssen. Dies jedenfalls behauptete jüngst Benjamin Weinthal in der "Jerusalem Post". Demnach habe der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz angeblich seinen Einfluss genutzt "to dismiss a scholar from the editorial board of the Journal for the Study of Antisemitism". Die Rede ist von keinem geringeren als Clemens Heni selbst, der allerdings noch im Februar wieder in die Redaktion der wissenschaftlichen Zeitschrift aufgenommen worden sein soll. Aber wer weiß: Vielleicht liegt der Chefredaktion der "taz" ja bereits umgekehrt das Schreiben eines Wissenschaftlers vor, in dem dieser sich "erschüttert" zeigt über Hefets' Text und seinerseits ein Schreibverbot einfordert. Verrückte Welt!
Als JF-Autor Thorsten Hinz vor ziemlich genau einem Jahr gegen die 




