Merz' Leitkultur-Debatte ging seinerzeit schwer nach hinten los. Gedacht als Anforderung an Einwanderer, sich stärker mit ihrer neuen Heimat und ihren Werten zu identifizieren, kassierte der christdemokratische Selbstdenker schnell den Vorwurf des Rassismus. Hiervon aufgeschreckt einigte man sich in der CDU schließlich salomonisch auf die Forderung nach einer "Leitkultur in Deutschland" - ein taktisches Manöver, das schon seinerzeit der heutigen Kanzlerin Angela Merkel zugerechnet wurde.
Merkel wolle den Begriff "Leitkultur" "auf jeden Fall weiter verwenden", stellte sie damals gegenüber dem "Focus" klar. Ohne ein Verständnis von Vaterland und Nation sei Einwanderung mit ihr nämlich nicht zu machen, so die große Dame der Union: „Das ist der Kern dieser wichtigen Debatte. Wir sind geprägt durch die Wertegemeinschaft des christlich-jüdischen Abendlandes.“ Und diese müsse in Deutschland als "Leitkultur" auch offensiv vertreten werden.
Armin Laschet, CDU-Integrationsminister von NRW, scheint diese Formulierung nun auf eine Weise ernst und wörtlich zu nehmen, wie dies seinerzeit wohl selbst Merkel nicht geahnt haben dürfte. Während sie ursprünglich auf das christliche Wertefundament und somit wohl auch auf die Menschenwürde und die daraus abgeleiteten Grundrechte verwies, geht Laschet in einem Interview mit der "Jüdischen Zeitung" unter der Überschrift "Der Holocaust ist unsere gemeinsame Leitkultur" noch einen Schritt weiter. Demnach soll wohl zentraler Bezugspunkt "deutscher Identität" nicht mehr das christliche Abendland mit seinen Werten, sondern die Shoah sein.
Und - so muss man wohl mutmaßen - zu dieser müssten sich auch die Einwanderer bekennen. Laschet wörtlich: "Man muss bei jeder Generation das Bewusstsein für den Holocaust vermitteln. Die Kinder sind qua Geburt deutsche Staatsbürger und man muss ihnen klar machen: Das ist was anderes, als wenn du Franzose oder Brite bist. (...) Das ist natürlich einem Kind, dessen Eltern sagen, 'Was haben wir damit zu tun? Wir sind 1961 eingewandert!', schwerer zu vermitteln. Ich verlange es ihnen trotzdem ab." Denn wenn sie "Deutsche" sein wollen, gehöre dies nun einmal zur "gemeinsamen Leitkultur".
Damit treibt die Kollektivschuldthese, die sich selbst in quasi-biologistische Begründungsmuster verstrickt und ihren eigentlichen Gegner so auf bizarre und zugleich ungewollte Weise kopiert, in der Union absurde Blüten geradezu imperialistischen Ausmaßes: Nunmehr sollen nicht mehr nur alle "Deutschen" zum "Tätervolk" gehören, sondern auch noch alle Einwanderer in Deutschland - auch dann, wenn ihre Eltern z.B. im Jahre 1961 aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. "Richtige" Integration wird in Deutschland also konsequent, rigoros und pflichtbesessen durchgezogen - ohne wenn und aber. Eben "typisch deutsch"!
Man muss sich schon etwas anstrengen, um sich überhaupt noch daran erinnern zu können: Vor gut 10 Jahren trat Friedrich Merz (CDU) eine Debatte über eine angebliche "deutsche Leitkultur" los. Der Integrationsminister von NRW, Armin Laschet (CDU), nimmt diesen Faden nun in einem Interview mit der "Jüdischen Zeitung" wieder auf und fordert selbst von Einwanderern ein Bekenntnis - ja, wozu eigentlich, zum Holocaust?





