Donnerstag, den 04. März 2010 um 03:30 Uhr
„Restriktiv“ – Bayerisches Finanzministerium untersagt jüdischem Journalisten Dreharbeiten im „Führerbunker“
Verfasst von Robert Scholz-
Schriftgröße
Schrift verkleinern
Schrift vergrößern

Wenn es um die quellenkritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ging, hatte sich das bayerische Finanzministerium wiederholt quergestellt. Nun untersagt sie einem jüdischen Journalisten auch die Drehgenehmigung für einen Dokumentarfilm über Hitlers persönlichen Bunker auf dem Obersalzberg.
Durch Zufall sei der Journalist Menashe Raz auf seine Filmidee gekommen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ). Bei einem Urlaub machte der bekannte israelische Journalist einen Ausflug zum Obersalzberg. Dort zeigte er sich beeindruckt vom Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte. Das Dokumentationszentrum sei sehr gut gemacht, lobte er, „ein kleines Yad Vashem“. Weil er selbst über den Obersalzberg gar nichts wusste, habe er beschlossen, eine Fernsehdokumentation zu drehen.
Raz wollte Experten und noch lebende Zeitzeugen befragen, Archivmaterial einarbeiten und auch in Hitlers Bunker filmen, der für die Öffentlichkeit verschlossen ist. Dafür benötigte er allerdings eine Drehgenehmigung; dass er die erhalten würde, hatte der Journalist nie bezweifelt: „Ehrlich gesagt“, zitiert ihn die SZ, „habe ich gedacht, sie können einem israelischen Journalisten eine historische Dokumentation über das Dritte Reich nicht abschlagen.“
Da kannte Raz allerdings das bayerische Finanzministerium noch nicht. Dort weigert man sich bis heute, eine kritische Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ zu ermöglichen, dort geht man in den Rechtsstreit mit Verlegern, die Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus als Faksimile erneut auflegen, und dort stellt man sich auch bei Filmaufnahmen im Führerbunker quer. Offizielle Begründung: Die Nazi-Opfer müssen geschützt werden.
Dabei hatte es zunächst noch gut ausgesehen. Die deutsche Botschaft in Israel teilte dem Journalisten mit, dass das Finanzministerium „im Prinzip den Antrag befürwortet“ und ein Exposé anfordere. Noch im März vergangenen Jahres wird dies vom Filmemacher verschickt und er verspricht „pure historische Fakten“, nichts Reißerisches und betont, dass der Film helfen solle, „die dunkle Periode zu verstehen“. Ausgerechnet am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, bekommt er Post vom Leitenden Ministerialrat, der ihm laut SZ mitteilt, „dass der Freistaat Bayern gerade keine Betonung von Geheimnis und Grusel wünscht“ und dass „Hitlers persönlicher Bunker in keinem Fall für Drehaufnahmen zur Verfügung steht“.
Auch bei einem persönlichen Gespräch, für das er nach München reist und in dem er betont, gerade kein „Geheimnis und Grusel“ inszenieren zu wollen und es ihm mitnichten um Sensationsberichterstattung gehe, vermag er die Verantwortlichen nicht umzustimmen. Ohne Erfolg bleibt auch der darauf folgende monatelange Schriftwechsel zwischen Raz und dem Ministerium. Ende Januar dieses Jahres erhält er schließlich die endgültige Absage. Auf die Bitte nach einem persönlichen Gespräch mit dem Minister antwortet ihm die Pressestelle: „Ein Treffen würde nichts ändern an der restriktiven Haltung, die wir nicht zuletzt den Opfern des Nationalsozialismus schulden.“
Das Ministerium verteidigt diese Haltung auch gegenüber der SZ. Man fahre eine Linie, heißt es und begründet die Bedenken mit der Furcht vor einer Pilgerstätte für Neonazis. Deshalb gebe es das Verbot, das für alle gelte, ohne Ausnahme.
Gelesen: 3279 mal
Anderen diesen Artikel mitteilen!
Markiert als
Weitere in dieser Kategorie:
« Diktaturen-Vergleich belastet Koalition in Sachsen-Anhalt
Wenn das Adorno wüsste... – Iris Hanika „Das Eigentliche“ »
1 Kommentar
-
Kommentar Link
Donnerstag, den 04. März 2010 um 11:28 Uhr
veröffentlicht von Carolin Kiener
So viel zu einer seriösen Aufarbeitung des Nationalsozialismus... und das nach über 60 Jahren.
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Kommentar hinzufügen
Nachrichten
-
Berliner CDU-Fraktionsführung stimmt für den Ausschluss des Islamkritikers Stadtkewitz Der Vorstand der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus...
-
Siedlungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern: Wohnen und Leben in Nazi-Tradition Vom eigenen Anbau leben, in der Gemeinschaft kochen,...
-
Kein Ort Für Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern 2010/2011 Die Amadeu Antonio Stiftung startet heute eine Kampagne...
-
Ausstellung in Rostock: Neofaschismus in Deutschland Heute eröffnet in Rostock eine Ausstellung zum Thema...
-
Fall Laucha: 20-Jähriger nach Übergriff auf Israeli zu Bewährungsstrafe verurteilt In der kleinen sachsen-anhaltinischen Gemeinde Laucha...
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
Nach Bundesländern
|
Letzte Kommentare
-
@thomas wendt
ihre ausfuehrungen und motive sind fuer mich nachvollziehbar.…
Verfasst von B.C.
3 Hours Ago
-
Das mit dem Lesen üben wir aber nocheinmal.
Nicht dass…
Verfasst von Roichi
4 Hours Ago
-
das Christian Worch in parchim lebt, ist mir neu -…
Verfasst von B.C.
5 Hours Ago
-
Beim Lesen des Artikels fiel mir auf, daß ich ab…
Verfasst von Sommer
6 Hours Ago
-
@us171 und @B.C. Niemals habe ich versucht der Sarrazin-Versteher zu…
Verfasst von Thomas Wendt
6 Hours Ago
-
Wenn jemamd ein öffentliches Amt dadurch mißbraucht, daß er im…
Verfasst von E.S.
6 Hours Ago
-
@thomas wendt
ich hab jetzt nur die beckmann-sendung gesehen. sie…
Verfasst von B.C.
7 Hours Ago
-
da faellt einem nicht viel zu ein. ist einfach ein…
Verfasst von B.C.
7 Hours Ago
-
Die NPD spielt mit den Gefühlen bzw. den Zorn von…
Verfasst von Sven
8 Hours Ago
-
Werter Herr Wendt,
ich bin unermüdlich versucht, Ihnen meine Frage…
Verfasst von us171
8 Hours Ago
Medientipp
- Siedlungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern: Wohnen und Leben in Nazi-Tradition Donnerstag, den 02. September 2010 um 11:04 Uhr
Beliebteste Artikel
- Storch Heinar verleiht „Horst des Jahres 2010“ - Zeigt her die faulsten Eier und holt Euch den Eierlikör-Pokal! Gelesen: 1653 mal
- Sozialrevolutionäre Positionen in der NPD auf dem Vormarsch? Gelesen: 1614 mal
- SPD will angeblich Thilo Sarrazin ausschließen Gelesen: 1377 mal
- Ein "ganz alltäglicher Ort" - Peter Eisenmann über sein Holocaust-Mahnmal in Berlin Gelesen: 858 mal
- Nach Rechtsextremismusverdacht: Lüneburger Kindergärtnerin arbeitet wieder Gelesen: 722 mal




