Sonntag, 08. November 2009 um 02:00
Die Elser-Debatte: Hintergrund & Chronologie einer „deutschen Affäre“
Verfasst von Hanka Kliese / Mathias Brodkorb-
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Am 8. November 1939 explodierte im Münchner Bürgerbräukeller eine Bombe. Johann Georg Elser hatte diese anlässlich einer NSDAP-Veranstaltung mit Hitler am Ort platziert und ließ sie per Zeitzünder detonieren. Statt Hitler starben acht andere Menschen. Denn der „Führer“ war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anwesend, was Elser nicht wissen konnte, da er bereits in Richtung Schweizer Grenze die Flucht angetreten hatte. Die Umstände dieses Attentates machte vor genau zehn Jahren der Politikwissenschaftler Lothar Fritze zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Ausführungsweise des Attentates moralisch nicht zweifelsfrei gerechtfertigt werden könne und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus.
Der Hitler-Attentäter Elser wird heute in Deutschland auf vielfältige Weise geehrt: Schulen, Straßennamen, ein Theater-Stück oder der Elser-Preis sorgen für die Würdigung des Tischlers, der lange Zeit zu einer Fußnotenexistenz in der Geschichte des deutschen Widerstandes verbannt war. Ein Gelingen seines frühen Anschlags hätte der Geschichte des 20. Jahrhunderts vermutlich einen anderen Verlauf gegeben und Millionen Menschenleben gerettet. Dieser Dimension konnte Elser sich freilich nicht bewusst sein, doch war er entschlossen genug, bereits zu dieser Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ein Ende zu bereiten. Er wurde unlängst in einer Fernsehsendung zu einem der „größten Deutschen“ gekürt. Sein Handeln ist auch ein Beleg dafür, dass Widerstand im „Dritten Reich“ nicht zwingend dem Bildungsbürgertum oder anderweitigen Eliten entsprang. Dass es Elser nicht gelang, Hitler zu töten, ist hinlänglich bekannt; weniger hingegen die Tatsache mehrerer Todesopfer und Verletzter, die statt des Diktators von der Bombe getroffen wurden.
Diese doppelte Ausgangslage, nämlich den 8. November 1939 als Tag zu betrachten, an dem Georg Elser eine mutige Tat beging, an dem aber auch unschuldige Menschen im Bürgerbräukeller ihr Leben verloren, motivierte den Politikwissenschaftler Lothar Fritze vor zehn Jahren zu einer kritischen Prüfung des Attentates. Genauer gesagt, unterzog er das Handeln des Protagonisten einer moralphilosophischen Prüfung, deren Ergebnis für Elser ambivalent ausfiel. Fritze hielt die Tat zwar für mutig und entschlossen, aber nicht für in jeder Hinsicht vorbildhaft. Hätte Elser nicht die Pflicht gehabt, das Attentat so durchzuführen, dass Hitlers Tod mit größerer Wahrscheinlichkeit eingetreten und „Kollateralschäden“ minimiert worden wären? Hätte das Attentat, um als eine wahrhaft moralische Tat gelten zu können, nicht den eigenen Tod einkalkulieren müssen, anstatt Dritte zu opfern? Vor dem Hintergrund dieser moralischen Fragestellungen untersucht Fritze das Attentat und bemängelt schließlich die unzulängliche Sorgfalt, die Elser bei den Vorbereitungen walten ließ. Er habe für den Fall einer zeitlichen Verschiebung des Ablaufes keine „Vorsorgevorkehrungen“ getroffen. Die Möglichkeit, in einem solchen Fall vor Ort in das Geschehen einzugreifen, nahm sich Elser selbst, weil er zum Zeitpunkt des Attentates in München nicht mehr zugegen, sondern auf der Flucht in Richtung Schweiz war, die mit seiner Festnahme in Konstanz endete.
Seine moralphilosophisch gestützten Überlegungen tat Lothar Fritze erstmalig im Rahmen seiner Antrittsvorlesung als Privatdozent an der TU Chemnitz kund. Reaktionen auf seine Untersuchung gab es kaum, lediglich die Empfehlung zur Veröffentlichung seiner Thesen. Die „Frankfurter Rundschau“ zeigte Interesse und druckte am 8. November 1999 auf Seite neun den „Versuch einer moralischen Bewertung des Attentäters Johann Georg Elser“. Was dann geschah, hatten wohl weder die linksliberale Tageszeitung noch Lothar Fritze geahnt. Denn die öffentliche Empörung ob seiner These ließ nicht lange auf sich warten. Johannes Tuchel und Peter Steinbach von der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ beriefen schleunigst eine Pressekonferenz ein, um Fritze ordentlich die Leviten zu lesen und ihm eine „Revision der deutschen Zeitgeschichte“ vorzuwerfen. Der Historiker und Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ an der TU Berlin, Wolfgang Benz, verstieg sich in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ am 20. Januar 2000 gar zu der Behauptung, in Wahrheit seien die Thesen Fritzes doch nur ein „Versuchsballon“. Es ginge wesentlichen Kräften am "Hannah-Arendt-Instititut für Totalitarismusforschung", bei dem Fritze als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war, um die Relativierung des Holocaust und darum, den „NS-Staat aus der Verdammung herauszubringen“. Das war starker Tobak, wurde damit doch die Behauptung aufgestellt, die Dresdner Totalitarismusforscher seien entweder verkappte Nazis oder zumindest deren intellektuelle Vorhut.
Wie bereits in früheren so genannten Historikerkontroversen, die meist weit über die Zunftgrenzen hinausreichten, spielte sich die Auseinandersetzung massenmedial ab, entwickelte eine merkwürdige Eigendynamik und entfernte sich rasch vom Kern der Fritze’schen Thesen. Fritzes Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am "Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung" in Dresden befeuerte die Kontroverse zusätzlich. Der damalige Direktor Klaus-Dietmar Henke erteilte Fritze ein Verbot, in Interviews Stellung zu nehmen. Die Möglichkeiten zur öffentlichen Meinungsäußerung waren für Fritze ohnehin begrenzt: Die „Frankfurter Rundschau“ verwehrte ihm die Möglichkeit, auf die Vorwürfe öffentlich zu reagieren. Stattdessen druckte sie – als eine Art eigener Ehrenrettung – zehn Tage später eine Darstellung Steinbachs und Tuchels, in der Fritze der Diffamierung Elsers bezichtigt wurde. Die zunehmend politisierte Debatte hielt sogar Einzug in den sächsischen Landtag, wo Abgeordnete unterschiedlicher fachlicher Qualifikation in einer aktuellen Debatte über „Die politische Instrumentalisierung des Hannah-Arendt-Instituts“ stritten. Den zum Teil bis heute schwer zu durchschauenden Streit um dieses Institut samt der Folgen für seine Mitarbeiter nachzuzeichnen, würde hier den Rahmen sprengen und stark vom „Fall Elser“ wegführen. Soviel lässt sich aber in Kürze festhalten: Am Ende der Auseinandersetzung stand eine nachhaltig beschädigte Forschungseinrichtung, ein Institutsdirektor, der die nächste Evaluation seiner Arbeit nicht überstand, und ein Chemnitzer Wissenschaftler, der aus dem Streit um seinen Text immerhin nicht den Schluss zog, in Zukunft auf moralphilosophische Fragen zu verzichten.
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