
Wenigstens für ein paar Tage durfte das Münchener "Institut für Zeitgeschichte" (IfZ) Hoffnung schöpfen. Der FDP-Wissenschaftsminister Heubisch sprach sich dafür aus, eine wissenschaftliche Ausgabe von "Mein Kampf" zu ermöglichen. Doch das bayerische Finanzministerium - oder wohl besser: die Staatskanzlei - widersprach. Und dabei liegen die Gründe, die für eine Ausgabe des wichtigsten Werkes Adolf Hitlers sprechen, so glasklar auf der Hand.
Noch immer hält sich in Deutschland das Gerücht, Adolf Hitlers "Mein Kampf" wäre "verboten". Ist es aber nicht. Sie können den Schinken zum Beispiel in einschlägigen Antiquariaten für 100 bis 200 Euro kaufen. Ganz legal. Das liegt daran, dass es sich um eine "vorkonstitutionelle" Schrift handelt und sie sich schon aus rein zeitlichen Gründen nicht gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung (FDGO) der Bundesrepublik Deutschland richten kann. Derselbe Grund ermöglicht es übrigens, dass der Piper-Verlag seit geraumer Zeit verdammt gut an den Tagebüchern des ehemaligen Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, verdient. Die können Sie nämlich schon seit Jahren im gut sortierten Buchhandel kaufen.
Warum also weigert sich das Land Bayern, das nach dem Zweiten Weltkrieg Inhaberin der entsprechenden Rechte wurde, einem Wiederabdruck von "Mein Kampf" zuzustimmen? Offenbar deshalb, weil es die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts verhindern will. Das wäre noch die wohlwollendste aller Überlegungen. Aber sie wäre zugleich die peinlichste, weil dies im Land von "Laptop und Lederhose" eine erstaunliche Naivität bekundete. Probieren Sie es doch einfach selbst einmal aus. Gehen Sie auf www.google.de und lassen dort nach den Stichwörtern "hitler mein kampf download" suchen. Google braucht nach eigenen Angaben nur 0,29 Sekunden, um insgesamt 448.000 Eintragungen zu finden. Der erste Treffer führt Sie zu einer pdf-Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf", der zweite sogleich auf ein Hörbuch. Und wenn Sie noch etwas weiter blättern, präsentiert Ihnen google den Adolf in allen Sprachen dieser Welt. Wenn die Bayerische Landesregierung also die Verbreitung dieses Werkes verhindern wollte, müsste sie zunächst einmal das Internet lahm legen. Auf die Idee, die Verbreitung einer Sache durch Nichtdruck zu verhindern, können wohl wirklich nur konservative Verwaltungsbeamte höheren Semesters kommen.
Aber es kommt ja noch viel besser: Denn Sie können auch im deutschen Buchhandel schon jetzt jede Menge Adolf kaufen. Ganz legal. Bereits im Jahr 1961 veröffentlichte des "Institut für Zeitgeschichte" "Hitlers zweites Buch". Im Jahr 1980 folgte dann unter der Leitung von Eberhard Jäckel "Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 - 1924". Seit 1990 veröffentlicht der Domarus-Verlag die Proklamationen und Reden Hitlers aus den Jahren 1932-1945, die inzwischen in einer vierbändigen Ausgabe vorliegen. Und seit Anfang der 1990er Jahre bemüht sich das "Institut für Zeitgeschichte" gemeinsam mit dem Saur-Verlag darum, sämtliche Aufzeichnungen Hitlers aus den Jahren 1925-1932 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen - ergänzt um den Hitler-Prozess aus dem Jahre 1924. Erschienen sind bisher inklusive Register ganze siebzehn Bände.
Nun könnte man ja meinen, dass allerdings erst "Mein Kampf" das Fass zum Überlaufen brächte, weil dies eben die radikalste Schrift Hitlers sei. Aber das kann man ja nicht wirklich im Ernst glauben. Wir hätten da zum Beispiel eine Kostprobe aus den "Jugendjahren" Hitlers, die man in der Jäckel-Ausgabe findet. Es handelt sich um einen Brief Hitlers vom 16. September 1919 an einen gewissen Herrn Gemlich. In diesem führt Hitler u.a. aus:
Zunächst ist das Judentum unbedingt Rasse und nicht Religionsgemeinschaft. (...) Durch tausendjährige Inzucht, häufig vorgenommen in engstem Kreise, hat der Jude im allgemeinen seine Rasse und ihre Eigenarten schärfer bewahrt als zahlreiche Völker, unter denen er lebt. (...) Sein Wirken wird in seinen Folgen zur Rassentuberkolose der Völker. Und daraus ergibt sich folgendes: Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Progromen (sic!). Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muß führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden, die er zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt (Fremdgesetzgebung). Sein letztes Ziel aber muß unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.
Noch Fragen?
Aber am Ende sind diese ganzen Streitereien ohnehin überflüssig. Denn spätestens im Jahre 2015 läuft der Urheberrechtsschutz aus. Anschließend darf jeder Hitlers "Mein Kampf" nachdrucken, verkaufen und damit seine Taschen füllen. Einige rechtsextreme Verlage reiben sich angesichts dieser Perspektive bereits frohlockend die Hände. Das Ansinnen des Münchener "Instituts für Zeitgeschichte", diesem Reibach mit einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe zuvorzukommen, ist daher auch politisch klug und löblich. Ebenso muss man Wissenschaftsminister Heubisch dankbar sein, dass er dem absurden Treiben der CSU in dieser Angelegenheit widerspricht. Wozu FDPisten doch manchmal gut sein können! Dabei könnte eine wissenschaftliche Ausgabe von "Mein Kampf" denselben Bedingungen unterworfen werden wie "Hitlers Zweites Buch". Im Vorwort hieß es seinerzeit: "Um auch die leiseste, wenngleich unwahrscheinliche Mißdeutung der Publikation auszuschließen, zugleich aber auch, um das Interesse, das dem Buch aus was für Motiven immer entgegengebracht werden mag, einer guten Sache dienstbar zu machen, ist festgesetzt worden, daß ein etwa verfügbar werdender Reinertrag Opfern nationalsozialistischer Verfolgung zukommen soll." Wäre das nicht was?
Also, Herr Seehofer, geben Sie endlich Hitlers "Mein Kampf" frei und beenden Sie die unselige und vor allem in Zeiten des Internet hilflose Erziehungspolitik des Freistaates Bayern in Sachen Adolf Hitler. Das wäre einer modernen Demokratie würdig und würde vor allem die dämonisch-manische Faszination, die von Hitler auch aufgrund derartiger Entscheidungen bis heute ausgeht, empfindlich beschneiden.
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Die Freiheit der Anderen – taz bricht Lanze für Broder, Kelek und Ates
Written on Dienstag, 09. Februar 2010 um 09:55
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