„Essen ohne Schuld“ lautet der Artikel von Till Ehrlich, in dem er Vegetariern unterstellt, die Umweltzerstörung voranzutreiben und verkappte Fleischesser zu sein, da sie eigentlich nur auf der Suche nach dem „Fleischgeschmack“ wären. Zudem würde Tofu eindimensional schmecken. Wohl aus Sorge, den gemeinen taz-Leser noch nicht vom Fleischkonsum überzeugt zu haben, lässt er seinen Beitrag in der sonntaz mit dem absoluten Totschlagargument enden: Denn Tofu ist Nazi.
So schreibt Ehrlich: „Der Vegetarismus ist eine Ernährungsform voller Widersprüche. Sie steht in Deutschland teilweise in der Tradition der völkisch beeinflussten Lebensreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und findet dort ihre Grenzen, wo allzu simple Antworten auf komplexe Ernährungsfragen gegeben werden.“
Klar, dass ein solcher Beitrag nicht unwidersprochen bleibt. Aktuell (Stand Sonntag 18:15) hat der Artikel 248 Kommentare, Tendenz steigend. Kommentator „Björn“ meint wohlmöglich einer unausgewiesenen Satire aufgesessen zu sein, da es für jeden Leser „mehr als absurd“ sein dürfte, „dass ein relevanter Anteil derer, die sich entscheiden, keine toten Tiere mehr zu essen, irgendetwas mit einer 50 Jahre alten völkischen Bewegung zu tun haben sollen.“
„Thomas“ sieht das ähnlich: „die tatsache, dass herr ehrlich diesen konnex (Tofu/völkische Bewegung – Anm. R.S.) noch auf der zielgeraden hektisch einflicht, aber nicht argumentativ nutzt, lässt darauf schließen, dass es ihm dabei in erster linie nur um eine immunisierung der eigenen position geht. nur weil völkische idioten mal eben auf fleisch verzichteten, steht man noch nicht automatisch in deren tradition, wenn man sich dazu entschließt, kein fleisch zu essen. männerbünde, die am stammtisch unter parolen wie ,fleisch ist ein stück lebenskraft‘ sich die schnitzel massenweise in den rachen schieben, sind schließlich genausoweg bezeichnend für leute, die gerne fleisch essen.“
Dabei flechtet Till Ehrlich diesen Konnex keineswegs auf der Zielgeraden ein. Denn in der Druckausgabe der taz findet sich ein Infokasten, der „Die Wunderbohne der Nazis“ ganz in den Mittelpunkt stellt. Dort erfährt der Print-taz-Leser, dass die Sojaforschung „von den Nazis massiv“ vorangetrieben wurde; „die praktische Umsetzung wurde etwa im ,Soja-Projekt‘ der I.G. Farben realisiert. Soja mutierte zur Nazibohne und Wunderwaffe.“ Abschließend ist gar von der „Nazi-Bulette“ die Rede, da für die Wehrmacht verschiedene Soja-Produkte entwickelt wurden: „Die heute in der vegetarischen Szene beliebten Bratlinge, Aufstriche und Sojawürste haben in der Nazizeit ihre Vorläufer. So wurde speziell für die Fronttruppen Frischwurst mit Sojakeimen produziert – und Bratlingspulver.“
Welche Konsequenz das für den Antifaschisten bedeutet, hinterfragt Kommentator „Jan Kummerfled“: „Wenn mich aber nicht alles täuscht, haben Nazis auch Bier getrunken und Kartoffeln gegessen. Wir müssten dringend auch diese Produkte aus unserem Leben verbannen.“
Recht hat er. Darum: Fleischessen gegen Rechts!
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Written on Dienstag, 09. Februar 2010 um 09:55
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