Zwei Jahr lang war Franz Florian Winter Landesvorsitzender der NPD in Bayern, zudem auch stellvertretender Bundesvorsitzender. Als gut situierter und finanziell unabhängiger Sohn eines Metzgers ging es Winter nach dem Zweiten Weltkrieg nach seinen Angaben um die Sache. Auch ihn hatte Hitler „als kleiner Bub“ in seinen Bann gezogen, kurz vor Kriegsende meldete sich der Flugoffizier zu einer sog enannten „Selbstaufopferungstaffel“ und überlebte einen Abschuss schwer verletzt. Seinen Glauben an Vaterland und Nation verlor er dadurch nicht.
Gegen ein weit verbreitetes „Kollektivschuld-Denken“ wollte er politisch vorgehen und wählte 1954 die CSU als politische Heimat. Nachdem er bemerkte, dass sein „wichtigstes Anliegen, der nationale Gedanke“ von ihr nicht so vertreten wurde, wie er sich das vorgestellt hatte, verließ er die Partei 1956 wieder. Und auch das von 1960 bis 1964 währende Intermezzo in der "Deutschen Partei" endete, als diese die CSU unterstützte.
Doch schon im Herbst 1964 „ging in Hannover der Stern einer neuen politischen Partei auf, der ,Nationaldemokratischen Partei Deutschlands.‘“ Sie wollte Sammelbecken aller national-konservativen Kräfte sein. Winter war sich zunächst sicher hier „seine Partei“ gefunden zu haben:
Eine Partei der „anständigen“ Deutschen. Eine Partei, der Vaterland und Nation noch etwas galten. Eine Partei, die aber auch andere Völker achten und ihr Recht anerkennen würde. Eine Partei, die neben Vaterland und Nation auch andere Werte, wie die der Freiheit, der Demokratie, des Friedens und der internationalen Solidarität respektieren und vertreten würde. (22f.)
Winter machte nach seinem Eintritt in die NPD ein Blitzkarriere: Innerhalb kürzester Zeit wurde er Landesvorsitzender in Bayern und später auch noch stellvertretender Bundesvorsitzender. Doch kaum zwei Jahre nach seinem Eintritt in die Partei verließ er sie schon wieder. Er musste erkennen, schreibt Winter rückblickend, „daß all diejenigen, die einen gemäßigten und demokratischen Kurs verfolgten, von der Partei verfolgt und ausgebootet werden“.
Namentlich ging es um ihn persönlich sowie den Vorsitzenden der NPD, Friedrich-Georg Thielen. Der eigentliche Strippenzieher, so beschreibt es Winter, sei Adolf von Thadden gewesen. Als Vorsitzender der Deutschen Reichs Partei (DRP) war von Thadden maßgeblich an der Gründung der NPD gemeinsam mit Friedrich-Georg Thielen (Deutsche Partei), Wilhelm Gutmann (GDP) und Heinrich Fassbender (DNVP) beteiligt. Zwar wurde Thielen zunächst Vorsitzender der neuen Sammlungspartei „NPD“, von Thadden besetzte aber viele wichtige Positionen in der Partei, so dass nichts gegen ihn ging in der Partei. Winter bezeichnet von Thadden daher als den „Meister der Intrige“.
Auch Winter erklärt Opfer einer solchen Intrige geworden zu sein: Der praktizierende Katholik wollte ein Bekenntnis zum Christentum in der Satzung der Bundespartei verankert wissen. Trotz Zusagen von Thaddens, einen solchen Passus aufzunehmen, kam es nie dazu. Der Widerstand aus den eigenen Reihen war zu groß. „Die Lehren der christlichen Ethik seien mit dem deutschen Wesen nicht vereinbar“ (70), war einer der Vorwürfe, die gegen das Bekenntnis zum Christentum vorgebracht wurden.
Noch größere Ressentiments hegten die NPD-Mitglieder seinerzeit allerdings gegen das Judentum, wie Winter berichtet. „So jemand“, hieß es etwa über einen Bundestagskandidaten der NPD, der Vorsitzender der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ war, „könne unmöglich die NPD im Bundestag vertreten“ (37). Im offiziellen Parteiorgan, den „Deutschen Nachrichten“ (DN), verkündete die NPD ganz offen: „Heinrich Heine ist Jude, und da Lyrik noch mehr als jede andere dichterische Gestalt Ausdruck des Nationalcharakters und der Volksseele ist, kann Heine unmöglich der größte deutsche Lyriker nach oder mit Goethe sein“.
Etwas weniger genau soll es die NPD hingegen schon damals mit ihren Spendengeldern genommen haben. So berichtet Winter, dass auf einem Wahlkongress mehr als 10.000 DM gesammelt wurden. Solch ein hohes Ergebnis musste auf Anweisung gefeiert werden: Bezahlt von den zuvor eingenommen Geldern, die teilweise große Opfer für die Spender bedeuteten. Als später noch 6.000 DM fehlen, wird dies mit einem vermeintlichen Rechenfehler abgetan. Da die Schatzmeister übereinstimmend berichten, dass die vorherige Sammlung nicht mehr ergeben habe, ist die Sache damit erledigt.
Winter, der an Ehrlichkeit und Sauberkeit in der Partei glaubte und den seine Kameraden für die Forderung nach einem Bekenntnis zum Christentum beschimpften, wurde klar, dass er sich für seine „politischen Ziele die falschen Weggefährten ausgesucht hatte“ (131), zumal er zunehmend bemerken musste, dass viele NSDAP-Mitglieder in der NPD ihre neue politische Heimat gefunden hatten. „Die Agitation eines gewissenlosen Opportunisten und Abenteurers ist für die breite Masse des Volkes oft einleuchtender“, räumt Winter ein, „als die Argumentation eines verantwortungsbewußten Staatsmannes. Es gehört eine gewisse politische Musikalität dazu, falsche von echten Tönen zu unterscheiden. Aber zweimal in einer Generation wird man uns die Entschuldigung vom unterentwickelten Gehör nicht abnehmen.“
Franz Florian Winter trat schließlich aus der NPD aus, sie sei nur dem Namen nach eine nationale Partei, erklärte er, in „Wirklichkeit schadet sie Deutschland und der nationalen Sache mehr als jede andere Kraft oder Gruppe. Die NPD ist so wenig national wie es die NSDAP war, die Deutschland in die größte Katastrophe seiner Geschichte gestürzt hat.“
Winters Buch ist keine Abrechnung, er will keine Rache nehmen, schreibt er. Er schaut auf die NPD nicht mit dem Blick des politischen Gegners, sondern mit dem des politisch heimatlosen, christlichen Nationalisten. Gerade diese Perspektive macht Winters Innenansichten zu einem spannenden und lesenswerten Zeitdokument.
Franz Florian WinterIch glaubte an die NPD
Mainz: v. Hase und Koehler Verlag GmbH 1968
136 Seiten
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Die Freiheit der Anderen – taz bricht Lanze für Broder, Kelek und Ates
Written on Dienstag, 09. Februar 2010 um 09:55
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