Mit der neunten Ausgabe von „Blaue Narzisse" (September 2008) widmet sich die rechtskonservative Jugendzeitschrift aus Chemnitz mit der „Postmoderne" einem publizistischen Schwergewicht. Allerdings dürfte das weder dem angepeilten Publikum noch der Redaktion so recht bekommen.
Die „Postmoderne" ist für das Selbstverständnis der Konservativen ohne Zweifel ein neuralgischer Punkt. Konkret geht es um nicht weniger als die Frage, ob der Tiger zu reiten oder besser zu töten sei. Wenn „konservativ sein" nicht in dem sinnfreien Bekenntnis aufgeht, dass es bloß darum gehe, zu erhalten, was sich bewährt habe (Jörg Schönbohm), sondern in der Herbeiführung und Bewahrung des ewig Gültigen bestehe, muss die Frage beantwortet werden, ob nicht der den Konservatismus verrät, wer sich mit der Moderne und ihrer Selbstüberschreitung in Form der Postmoderne gemein macht. „Kann ernsthaft noch als konservativ gelten, wer auf den Schultern der Moderne steht?" - das und nichts anderes ist die eigentlich entscheidende Frage.
Aus seiner in diesem Sinne pro-modernen Haltung machte ein Autor wie Armin Mohler kein Geheimnis. „Ich bin gegen jeden Universalismus, auch als politische Überlegung.", äußerte er in einem Gespräch. Und, dass er die Postmoderne „rasend aufregend" finde. Auch Karlheinz Weißmann, einer der wichtigsten konservativen Theoretiker der Gegenwart, bekannte vor 10 Jahren in einem Interview mit Peter Krause für die rechtskonservative Wochenzeitung „Junge Freiheit" (JF), dass bereits die Autoren der Konservativen Revolution im historischen Vorfeld des Nationalsozialismus als postmodern beeinflusst gelten müssen. Während Mohler hieraus unter anderem den Schluss zog, dass sich die postmoderne Rechte vom Christentum verabschieden müsse, hält Weißmann beharrlich am Modell einer religiösen Rechten fest und bedient sich so wesentlich vor-moderner Elemente.
Indes ist beides zugleich nicht möglich, ohne sich in einen eklatanten Selbstwiderspruch zu verwickeln. Dieses Problembewusstsein über den Kern der Postmoderne hingegen, die Auflösung identitärer und verbindlicher Bezugspunkte durch einen grassierenden Relativismus, sucht man in „Blaue Narzisse" vergeblich. Insgesamt vier Autoren widmen sich dem Thema der „Postmoderne". Dabei ist allein Schikora in dieser Ausgabe dem Schwerpunktthema mit einer Analyse der Gedanken des Gründers der Postmoderne, Lyotard, tatsächlich gewachsen - und sprengt doch deutlich das Niveau einer Jugendzeitschrift. Rothämel weiß nicht einmal die Begriffe „Moderne" und „Postmoderne" zu definieren und lässt sich dennoch vier Seiten lang über sie aus. Zschocke geht u.a. der Frage nach, ob Joseph Beys ein postmoderner Künstler gewesen sei und beantwortet die selbst gestellte Frage offen nichtssagend: „Die Beantwortung dieser Frage ist äußerst kompliziert, setzt sie doch das vollumfängliche Durchdringen seines Werkes voraus." Wichtiger wäre vielleicht gewesen, zunächst zu klären, womit man es bei der „Postmoderne" eigentlich zu tun hat - gerade dann, wenn es Johannes Schacht in Gemahnung an Götz Kubitschek für das eigene Milieu für eine vordringliche Aufgabe hält, die „Missstände mit eigenen Begriffen zu benennen".
Angereichert wird die aktuelle Ausgabe durch ein Interview mit jungen Filmemachern, eine Kritik an neuen, gruppenorientierten Unterrichtsmethoden, die vor allem zur Besserstellung der „Schwachen und in vielen Fällen vor allem faulen und unmotivierten Schüler" führen sollen, sowie durch ein eher verzichtbares Lektüretagebuch des Chefredakteurs Menzel. Einen lesenwerten und stringenten Artikel enthält die Ausgabe schließlich mit dem Beitrag des Jungrechten Carlo Clemens „Deutschland, Fußball und EM: Das letzte nationale Aufbegehren". Clemens stellt dabei die provokante Frage, ob - wenn das sportliche Messen von „Nationen" ihren Ausdruck im Wettkampf von Nationalmannschaften findet - eine um sich greifende Einbürgerung von Sportlern rein aus sportlich-wirtschaftlichem Interesse Weltmeisterschaften und Olympische Spiele nicht langfristig ad absurdum führe. „Wenn jemand mit Migrationshintergrund für ein Land spielt, in welchem er geboren bzw. aufgewachsen ist, dann ist das eine Sache. Differenzieren muß man zwischen diesen und denjenigen, die kurzfristig eingebürgert werden, um sportlich voranzukommen.", so Clemens. Franz Beckenbauer hätte für den Fußball angesichts solcher Entwicklungen daher nicht ohne Grund schon vor Jahren auf die „Verdrängung der Länderspiele durch eine Europa- oder gar Weltliga der Spitzenclubs" hingewiesen.
Die publizistische Qualität von „Blaue Narzisse" hat innerhalb recht kurzer Zeit durchaus beachtliche Fortschritte gemacht. So ist das neue Heft seinen Vorgängern journalistisch deutlich überlegen. Mit „Epochen der Auflösung - Postmoderne = Dekonstruktion von Identität" jedoch hat man sich schon durch die Wahl des Themas ordentlich verhoben und so ohne Not die Lücke zwischen eigenem Anspruch und erreichbarer Wirklichkeit zumindest nicht kleiner werden lassen.
Es wird daher Zeit, sich zu entscheiden. Entweder „Blaue Narzisse" soll eine kulturell-metapolitische Jugendzeitschrift sein, die einer jungen, rechtskonservativen Gruppierung in Regionen Ostdeutschlands weiteren Nachwuchs zuführt. Dann muss man sich aber auch konsequent an seinen potenziellen Konsumenten ausrichten und die Latte nicht zu hoch hängen; vor allem nicht so hoch, dass kaum einer sie zu überspringen vermag - auch unter den Autoren. Für ambitioniertere publizistische Versuche stände dann sicher die wohlgesonnene „Theoriezeitschrift" vom Rittergut Schnellroda bereit. Oder die Autoren von „Blaue Narzisse" wollen sich schrittweise zu einer Konkurrenz zur „Sezession" entwickeln, was freilich noch viele Jahre in Anspruch nähme und durchaus eines nachhaltigen Sinns entbehrte. Eine Mischung aus beidem hingegen, eine „Sezession für Arme", braucht auch Deutschlands Rechte nicht.
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